September 2

Mid-Light für alte Bekannte

Soeben schoss mir durch den Kopf, als ich die Fuck-Seite (oder FAQ-Seite) überarbeitet habe, dass es noch diesen einen persönlichen Blog gibt, den ich gern immer mal wieder aufrufe. Die Person, die diesen Blog schreibt, kenne ich persönlich. Bzw. kannte ich. Aber wann kennt man jemanden eigentlich wirklich? Ich kann das von mir selbst nicht einmal behaupten, also maße ich mir das bei anderen Menschen besser erst garnicht an.

Jedenfalls kamen einige Assoziationen in mir auf, als ich den Blog digital durchblätterte. Eine Art Sehnsuchtsgefühl, aber diese Menschen möchte ich nicht mehr in meinem Leben haben. Wonach habe ich also Sehnsucht? Nach kurzem Auseinanderpflügen ist es mir eingefallen: Ich habe Sehnsucht nach dem Gefühl, welches ich von diesen Menschen erwartet hatte.

Ich wollte in ihnen immer meine Gang, meine Freunde, mein Refugium sehen. Meins halt. Bereits am Anfang habe ich gespürt, dass sich diese Menschen nicht anteilig so sehr mir gegenüber öffnen würden wie ich mich für sie. Irgendwie hatte ich die große Hoffnung, dass sie diese Entwicklung durchlaufen, wenn ich… Ja, wenn ich was? Ihnen genug Zeit schenke? Genug Scheiße mit ihnen baue? Ihnen genug Aufmerksamkeit gebe? Was?
Ich glaube jetzt, dass es kein „Was“ gibt. Nur ein „Nicht“. Sie sind es einfach nicht und hätten es auch nie werden können. Meine Angst vor dem Alleinsein trieb mich dazu, jeden Freundschaftsstrohhalm zu greifen, der nur irgendwie in meine Nähe geriet. Jetzt spüre ich, dass ich Menschen automatisch anziehe, die sind wie ich; seitdem ich es zulasse und keine Angst mehr davor haben will, einigen Menschen den Umgang mit mir zu verweigern.

Es wurde damals zusehends dystopischer. Ich wurde wegen einer Lapalie, von der ich nicht einmal mehr das kleinste Detail weiß, aus „der Gang“ ausgeschlossen. Natürlich nicht verbal, nein. Es schwebte wie eine unsichtbare Giftwolke zu mir herüber. Aber ich wollte mich nicht anpupsen lassen und suchte freiwillig das Weite.

Was mir an dieser Truppe als Einziges sehr scharf im Gedächtnis geblieben ist, war die ehrlichste Aussage, die ich jemals von einer alkoholisierten Person gehört habe. (Betrunkene sagen immer die Wahrheit und so, ihr wisst.) Sie saß neben mir auf dem Linoleumküchenboden und wir aßen die letzten Reste Fertig-Käsenudeln mit gebratener Wiener. Ihr bester Freund, für den sie sich sogar hat ein Tattoo stechen lassen, war bereits auf meiner Couch schlafend in sich zusammengesackt und sie begann ihre Beichte mit „Weißt du, wenn ich ganz ehrlich bin […]“ und mein Magen rutschte wie auf dem Piratenschiffskarussel einmal nach links, einmal nach rechts. „[…] wenn ich mich in diesem Gefühl befinde wie jetzt, und das habe ich nicht oft, dann ist er überhaupt nicht da.“
„Wer ist nicht da?“, fragte ich, obwohl ich binnen Bruchteilen einer Sekunde wusste, was abgeht. Aber ich wollte es von ihr hören. „Er als mein bester Freund. Das hat für mich alles keine Bedeutung, weißt du? Er ist da und unternimmt viele Sachen mit mir und ich genieße es auch, so viel zu unternehmen. Aber eigentlich ist keiner von meinen Freunden wirklich greifbar für mich. Keiner ist da.“

Das war einer der prägendsten Momente in meinem Leben. Es war nämlich keine Einsamkeit oder dass niemand ihrer Freunde wirklich für sie einstehen würde. Nein, es war eine bitterdüstere Aussage, dass keiner von diesen Menschen ihr wirklich wichtig ist. Mittel zum Zweck. Einfach da für den schönen Schein.

Und für alles zusammen gibt’s ein Gruppentattoo!


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VeröffentlichtSeptember 2, 2017 von Die Irre in Kategorie "Geschriebenes

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