Juli 28

Was ist schon Geschichte?

Ich wollte immer etwas erzählen und vor lauter Findensdrang übersah ich alles. Bis auch einen dieser Tage, an dem man plötzlich seine ganze Wahrnehmung verändert.

Ich stieg in die S-Bahn und entdeckte auf den Fahrradsitzen eine in sich zusammengesackte Frau, deren Zustand ich nicht unterscheiden konnte von Ohnmacht oder eigenartiger Schlafposition. Selbst mein innerer Schweinehund sagte: „Frag lieber nach, was los ist“ und so tat ich. Als die Frau erkannte, dass sie in der entgegengesetzten Richtung ihres Fahrziels gestrandet war, verfiel sie nach einem geseufzten „Nicht schon wieder…“ in lautloses Weinen.


Mein Bauchgefühl zeigte mir nun mit Nachdruck, dass ich mich jetzt nicht einfach wieder zurücksetzen und das ignorieren kann.


Wie Jack zu Rose sagte: „Jetzt gehen Sie mich etwas an.“

Während der nicht einmal halbstündigen Fahrt habe ich über diese Frau mehr erfahren als ich über die meisten meiner jahrelangen Freunde jemals wissen werde. Sie hat drei Kinder, ist liebend gern Hausfrau und halt „nur Hausfrau“. Sie putze nur. Was erwidert man jemanden, dass man niemals nur „ein Nur“ ist? Ich schwieg. Sie weinte. Sie wurde ihres Handys und ihrer Geldbörse beraubt. Weil sie so dumm wäre. Den Grund, den sie dafür genannt hat, werde ich nicht verraten.


Auch wenn es nur eine Fremde ist: Es ist ein Geheimnis, das mir anvertraut wurde.


Die Fahrgäste um uns herum starren und ich spüre das erste Mal in meinem Leben, wie es mir egal ist, ob mich jemand anglotzt. Nicht das „Ja, es ist mir egal, was die anderen über mich denken“ und trotzdem Bauchweh haben; sondern wirkliches Desinteresse über die Glotzenden. Zur Polizei will sie nicht. Nur nach Hause.

Ich kenne ihren Namen nicht. Sie wollte ihn mir sagen, aber er wurde vom Schluchzen verschluckt. Als sie ausstieg, warf sie mir die zerreißendsten Luftküsse zu, die ich jemals gesehen habe. So entkräftet, aber doch so dankbar. Ich kenne zwar nicht ihren Namen, aber das hat keine Bedeutung. Sollte diese Frau das hier jemals lesen, möchte ich, dass sie weiß, dass ich ihr alles Gute wünsche und sie nicht allein ist.


Sollte ich diese Frau jemals wiedersehen, hoffe ich dass ich sie nicht erkenne, weil aus ihr ein glücklicheres Ich geworden ist.


 


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VeröffentlichtJuli 28, 2016 von Die Irre in Kategorie "Geschriebenes

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